Neues und aktuelles wird alt, aber nicht unwichtig.
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Konzeption „Ehrenamtsarbeit . . . “
(in Auszügen) Steffen Gester , 2008
Das Ehrenamt heute
Das Ehrenamt hat Konjunktur. Bürgerliches Engagement rückt ins Zentrum politischen und sozialwiss. Interesses, 2001 wurde zum internationalen Jahr der Freiwilligen“ ausgerufen, eine Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages zur „Zukunft des Bürgerengagements“ wurde eingerichtet.
Vielfach beschrieben und empirisch gut abgesichert besteht in Deutschland ein erhebliches Engagementpotential. Das Konzept einer Zivil- und Bürgergesellschaft gilt als Antwort auf gesellschaftliche Wandlungsprozesse und auf die Krise des herkömmlichen Systems wohlfahrtsstaatlicher Sicherung. Danach gestalten aktive Bürger das Gemeinwesen durch Partizipation und Mitbestimmung v. a. jenseits der formalen politischen Institutionen. Europa gewinnt an Selbstvertrauen (über 50 Jahre politische Stabilität, Demokratie), bürgerschaftliches Engagement als Teil dieses Prozesses gewinnt an Bedeutung. Dabei agieren die Bürger nicht aus Misstrauen dem Staat gegenüber, nicht aus einer tiefen Krise heraus, Engagement kann vielmehr als Ausdruck einer souveränen, reflexiven Gesellschaft gesehen werden, in der Subjekte ihr eigenes Beziehungsfeld selbst managen und Zugehörigkeiten/Abgrenzungen nach eigenen Bedürfnissen regeln.
Erwerbsarbeit wird als Basis von Identität brüchig, vorhandene Erwerbsarbeit und verlässliche Einbettung in diese werden weniger. Ehrenamtliche Tätigkeit kann zur Entwicklung einer mannigfachen Tätigkeitsgesellschaft mit einer erweiterten Definition von Arbeit, jenseits von Erwerbsarbeit beitragen. Im sozialen Bereich bietet das Ehrenamt gerade in seiner Eigenständigkeit erhebliche Ressourcen.
Seit den 90er Jahren findet ein Rückzug und ein Aufgabenwandel des Staates (Leitkonzept: der „schlanke Staat“), ein Verankern betriebswirtschaftlichen Denkens und marktähnlicher Strukturen innerhalb des professionell-bürokratischen Leistungssystems statt. Quasimärkte (der Staat erbringt soziale Leistungen nicht mehr selbst, sondern kauft sie bei Anbietern ein, die miteinander konkurrieren) und kostenbewusstes Management betrieblicher Strukturen (Unternehmenskulturen ersetzen administrativ-professionelle Kulturen) etablieren sich. Diese Einführung der Sozialmärkte geht einher mit starker Managementorientierung der Einzelbetriebe im Gesundheits- u. Dienstleistungsbereich. Hier ist es für die Unternehmen wichtig, nicht in der konzeptionalisierten Spaltung hier ein von Markt- und Kostendenken geprägter Kernbereich – dort ein von Bürgerengagement geprägter Randbereich zu verharren. Dem Ehrenamt ist ein weiter gefassten Wert zuzumessen, es ist nicht nur instrumentell als Mittel zur Qualitätsverbesserung zu betrachten sondern als Möglichkeit, sozialmoralische Grundlagen zu kultivieren. Die Management- u. Organisationskultur bedarf einer Fachlichkeit, die nicht fixiert bleibt auf innerbetriebliche Optimierung, sondern aufgeschlossen ist ggü. sozialunternehmerischen Aufgaben (Ehrenamtlichkeit bereichert das Gemeinwesen, Knüpfen von Versorgungsnetzwerken, Projektverbünde). Ehren- und Hauptamt sind gleichberechtigte Funktionen des Sozialstaates. Heute wird die Qualität eines sozialen Projektes an dessen Ergebnissen gemessen, eher unabhängig davon, ob sie von haupt- oder ehrenamtlichen Kräften bewerkstelligt wurde. Ein zeitgemäßes Ehrenamtsverständnis heisst:
? ehrenamtliche Tätigkeit ist keine Hilfsfunktion hauptamtlicher Arbeit, vielmehr ein eigenständiges Moment, das die Erbringung sozialer Dienstleistungen wesentlich verbessert
? das Ehrenamt weist spezifische Ressourcen auf, die hauptamtliche Mitarbeit nicht aufweist und auch nicht aufweisen kann, z. B. den Aufbau einer spezifischen persönlichen Beziehung zu Hilfe-/Assistenzbedürftigen jenseits von Erwerbsarbeit („Ehrenamtliche kommen wegen mir, nicht wegen des Lohns“), „Frischer Wind“ bei eingeschliffenen Routinen im Unternehmen (Blick von außen)
Gegenwärtig findet ein Wandel des Ehrenamts statt, der analog zu wesentlichen gesellschaftlichen Veränderungen erfolgt und diese abbildet.
Umbruchserfahrungen in der postmodernen Gesellschaft
Die Situation und das Erleben der Menschen heute in den westlichen Industrieländern lässt sich, u. a. gestützt auf empirische Befunde, wie folgt beschreiben:
a) Enttraditionalisierung
Es kommt zum Verlust unstrittig akzeptierter Lebenskonzepte, übernehmbarer Identitätsmuster, normativer Koordinaten. Es findet ein Erosionsprozess traditioneller Beziehungsmuster (Verwandtschaft, Nachbarschaft) statt, das Individuum kann darüber nicht mehr als soziales Kapital verfügen und gleicht einem Darsteller auf der gesellschaftlichen Bühne ohne fertiges Drehbuch. Die Enttraditionalisierung der Beziehungsformen führt jedoch nicht zur Auflösung aller Beziehungsnetze, nicht zu atomisierten Subjekten, die sich beziehungslos in sozialen Wüsten verlieren. Die häufig vorgebrachte Sicht, die heutige Gesellschaft bestehe aus individualisierter „Ichlingen“, denen Bereitschaft und Fähigkeit zur Alltagssolidarität fehlen, ist empirisch schwer zu halten.
b) Ambivalenz
Die aktuellen Lebensverhältnisse sind sowohl Chance als auch Risiko. Die Chance besteht darin, dass das Individuum sich selbstbewusst Inszenieren kann, die Freiheit hat, das eigene Leben selbst zu entwerfen und zu realisieren sowie wesentlich auf die Mitgestaltung eigener sozialer Lebenszusammenhänge Einfluss hat. Das Risiko ergibt sich daraus, dass das Subjekt gefordert ist, in der Notwendigkeit steht, Initiator/Manager des eigenen Beziehungsnetzes zu sein. Diese gesellschaftliche Notwendigkeit, die Norm der Selbstgestaltung kann bei fehlendem Zugang zu notwendigen Ressourcen (materielle, soziale, psychische) zu Überforderung führen und verhindern, dass Chancen realisiert werden.
c) Wandel
Individualisierungsprozesse, Pluralisierungs- und Entgrenzungstendenzen führen nicht per sé zu Vereinsamung und egoistischer Ichbezogenheit. Vielmehr kommt es zur Entwicklung neuartiger, gemeinschaftsbildender Muster (Selbsthilfegruppen, Bürgerinitiativen), die anstelle der alten (Gewerkschaften; Kirche) treten, vielfältige Kontakte werden interessen- und situationsgeleitet aufgebaut (Freunde, Kollegen, Vereine). Kennzeichnend für die neuen Beziehungsmuster sind Wahlfreiheit und strukturelle Offenheit; sie sind weniger von Status und mehr von gemeinsamen Interessen bestimmt.
Verschiebung des Ehrenamtsbegriffs analog zu gesellschaftlichen Veränderungen
Mit der einseitigen Sicht gesellschaftlicher Individualisierungstendenzen als Egotrip in einer Ich-Gesellschaft wurde oft eine Krise des Ehrenamtes vermutet, assoziiert mit einer abnehmenden Hilfs- und Verantwortungsbereitschaft der Menschen. Eine differenziertere Sicht formuliert im Gegensatz dazu einen mit Individualisierungsprozessen zusammenhängenden Struktur- und Motivwandel des Ehrenamts.
a) Strukturwandel
Es kommt zu einer Pluralisierung der Engagementformen; neben Verbänden/Vereinen und traditionellem Ehrenamt entstehen auch Selbsthilfeprojekte, Nachbarschafthilfe u. Bürgerinitiativen. Entsprechende Studien zeigen eine Zunahme selbstorganisierter Engagementformen, eine abnehmende Bereitschaft, sich in dauerhafter und kontinuierlicher Form für der Allgemeinheit dienende Ziele zu engagieren sowie eine zunehmende Bereitschaft, sich in informellen Strukturen ohne Rechtsform mit eher interessengruppenbezogenen Zielen für eine bestimmte Zeit und räumlich begrenzt zu engagieren. Es ist eine erhebliche Umwälzung und Dynamisierung des Ehrenamts beobachtbar, vielfältige Aus- und Wiedereintritte finden statt, je nach biografischer Passung werden Erwerbs- und Familienarbeit mit bürgerschaftlichem Engagement kombiniert.
b) Motivwandel
I. S. d. Individualisierungstendenzen ist das freiwillige Engagement als eine bewusste, mit Verweis auf das soziale Umfeld, die Lebenslage und die biografische Situation begründete Entscheidung der/des Interessierten zu verstehen.
Es ist eine Pluralisierung der Motive beobachtbar. Bürgerengagement ist nicht mehr eng geknüpft an Haltung der Selbstlosigkeit und Aufopferung. Die Topantwort in neueren Studien zu Motiven für ehrenamtliche Tätigkeit ist „Spaß haben“, was nicht gleichzusetzen ist mit hedonistischer Unverbindlichkeit oder Erwartung schnelllebigen Vergnügens sondern vielmehr als Oberbegriff für Zufriedenheit und innere Erfüllung bei der Bewältigung einer Aufgabe anzusehen ist.
Weiterhin kommt es zu einer Dynamisierung der Motive. Die Dynamik bestimmt Form und Kontinuität des Engagements. Nicht nur Motive, auch Erwartungen spielen eine Rolle, z. B. verändern sich Anfangsmotive durch das Erleben der freiwilligen Tätigkeit, die Freude am Engagement kann ein wichtiges Motiv zur Fortführung sein.
tradierte Merkmale des Ehrenamts in Deutschland
Der Lokalbezug ehrenamtlicher Arbeit zeigt sich bereits Ende des 18. Jh. beim Hamburger System der kommunalen Kontrolle der Armenfonds, bei dem die Stadt in Bezirke aufgeteilt und jedem Bezirk Ehrenamtliche zugeordnet wurden. Auch bei der Geburtsstunde des heute üblichen Begriffs des Ehrenamts, der Preußischen Städteordnung Anfang des 19. Jh. ist die Lokalgemeinschaft erkennbar: Bürger erhielten das Recht, hatten aber auch die Pflicht, unentgeltlich Stadtämter (kommunale Selbstverwaltung) zu übernehmen. Beim Elberfelder System Mitte des 19. Jh., das in der Folgezeit alle größeren Städten übernahmen, wurde das Stadtgebiet in kleine Quartiere aufgeteilt, in denen ein ehrenamtlicher Armenpfleger die Bedürftigen seines unmittelbaren Wohnumfeldes betreut. Diese Schaffung des sozialen Ehrenamts, verdeutlicht den Lokalbezug. Es wird das Quartiersprinzip angewandt, Armenpfleger sind zuständig für das unmittelbare räumliche Umfeld. Entscheidende Qualifikation für die Übernahme eines Ehrenamts ist die, Bürger und Nachbar mit lokaler Vetrautheit/Präsenz zu sein.
Im Ursprung administrativ, wurde im 18. und v.a. im 19. Jh. die erste systematische soziale Arbeit mittels ehrenamtlicher Tätigkeit realisiert. Erst Anfang des 20. Jh. wurden dann mit der Trennung von Armen- und Bürgerwohngebieten und komplexeren Aufgaben sozialer Hilfeleistung zunehmend Professionelle beschäftigt. Diese erhoben sofort den Anspruch, als Vorgesetzte die ehrenamtlichen Helfer anzuleiten, da es ihnen an Fachkompetenz fehle. Von anderer Seite sind die Ehrenamtlichen jedoch vielmehr als freie, kreative und unabhängige Geister zu beschreiben, die sich nun dem Diktat staatlich Angestellter unterwerfen mussten. Dieser Konflikt zwischen hauptamtlicher und ehrenamtlicher sozialer Arbeit verschärfte sich im weiteren Geschichtsverlauf. Mit Beginn des 20. Jh. bis in die 80er Jahre setzte sich ein arbeitsteiliges Verständnis durch, das Hauptamtliche als Profis ansieht und Ehrenamtlichen eher Hilfsfunktionen zumisst. Es ist aber aus der geschichtlichen Entwicklung ersichtlich, das alle professionelle soziale Arbeit letztlich aus dem Ehrenamt erwuchs. Deshalb und aufgrund der sich im 20. Jh. entwicklenden Vereins-, Initiativen- und Selbsthilfekultur als differenzierte Engagementformen wird man dem Ehrenamt nur gerecht, wenn man es als ein eigenständiges Moment mit spezifischen Ressourcen zur Kenntnis nimmt.
Begriffsdefinition Ehrenamt
Bürgerschaftlicher Engagement, Ehrenamt und Freiwilligenarbeit werden als Begriffe teilweise synonym, z. T. aber auch mit differenzierten Bedeutungsinhalten benutzt. Generell lassen sie sich durch folgende Kriterien definieren:
? Unentgeltlichkeit: Hauptamtlich Beschäftigte erhalten für ihre Arbeit Geld, Ehrenamtliche arbeiten hingegen entgeltfrei, das Engagement findet nicht um des Geldes willen statt und es erfolgt keine leistungs- /zeitbezogene Bezahlung.
? Freiwilligkeit: Das Engagement basiert auf persönlicher Motivation und freier Entscheidung, kann nicht verordnet werden und wird ohne äußeren Zwang aufgenommen und ausgeführt.
? Fremdhilfe: Das Engagement hat einen positiven Nutzen für Dritte, dient dem Gemeinwohl und wirkt in größerem Rahmen als dem privaten Kreis der Familie/ Verwandtschaft.
? Öffentlicher Raum: Das Engagement spielt sich im öffentlichen Raum der Zivilgesellschaft ab.
In Abgrenzung zu spontanen Hilfeleistungen im Alltag erfolgt das Engagement oft organisiert (Nicht-Regierungs-Organisationen = NGO: Vereine, Stiftungen, freie Träger).
„altes“ und „neues“ Ehrenamt
In der aktuellen Diskussion wird zwischen den Begrifflichkeiten „Ehrenamt“ (traditionelles Ehrenamt) und „Freiwilligenarbeit“ („neues“ Ehrenamt) unterschieden, die sich jeweils mit folgenden Kriterien umreißen lassen:
Das traditionelle („alte“) Ehrenamt ist meist altruistisch motiviert, auf Kontinuität ausgerichtet und wird oft lebenslang, z. T. über Generationen hinweg ausgeübt.
Das „neue“ Ehrenamt bzw. die Freiwilligenarbeit wird tempörär ausgeübt und setzt eine biografische Passung voraus, d. h. in verschiedenen Lebensphasen werden jeweils passende Engagementformen gewählt, es entsteht eine neue Verbindung von Gemeinwohlorientierung und Selbstbezug. Im Vergleich zum traditionellen Ehrenamt besitzen die Akteure selbstbezogenere Erwartungen und Motivationen (Selbsterfahrung, Selbstverwirklichung; lebensnahes Lernen, individuelle Weiterentwicklung, Menschen kennen lernen, Freude am Ehrenamt haben; solidarisch mit anderen sein, Sinnvolles tun, Gesellschaft verändern; autonome Zeitgestaltung, zeitliche Befristung, Spontaneität; Anerkennung, Wertschätzung; fachliche Anleitung, Weiterbildung, Versicherungsschutz) und wollen keine Bevormundung, Verrechtlichung und Bürokratisierung.
Steffen Gester , 2008 /Eine Weiterverwendung des Textes in jeglicher Art oder von Auszügen ist ohne Einwilligung des Autors nicht gestattet.
